UTOPIA

Vom Utopia-Verlag zum Utopia-Archiv

seit 1977 unser Fenster in unendliche Weiten und Fantasie!

Phantasie ist nicht Ausflucht. Denn sich etwas vorstellen, heißt, eine Welt bauen, eine Welt erschaffen.  – Eugène Ionesco –

Ein unbedeutender Schritt …

… für die Menschheit – aber ein gewaltiger für Mario und Rico!

1977 gründeten beide den UTOPIA‑„Verlag“ – ihr Synonym für Fantasie, Vorstellungskraft und grenzenlose Kreativität.
Mit bescheidenem Stolz gaben sich Mario und Rico damals natürlich nicht zufrieden. UTOPIA klang nach Großem, nach Verheißung, nach einem Griff nach den Sternen. Es sollte ihre Ideale dokumentieren: Kreativität und das Streben nach dem Außergewöhnlichen.
Es war ein Raum, der nur ihnen gehörte – eine kleine Welt voller Geschichten, Illustrationen und Ideen, in der alles möglich war.
Von diesem Moment an begann ihre Reise: ein Archiv ihrer Träume, Entwürfe und literarischen Experimente – ein Zeugnis dessen, was entsteht, wenn Fantasie sich unbehelligt entfalten darf.

Die 70er Jahre: Kinder der DDR – Träumer im Schatten des Sozialismus

Sie waren Kinder der DDR und wuchsen mitten im Sozialismus auf.
Von klein auf war ihr Leben geplant, gelenkt und überwacht: im Kindergarten, in der Schule, in den Jugendorganisationen – alles bestimmt, alles vorgeschrieben.
So formte man sie zu nützlichen Mitgliedern der sozialistischen Gesellschaft.
Sogar ihre Fantasie und die Art, wie sie Literatur gestalten durften, unterlag der strengen Logik der sozialistischen Konsolidierung.


Und doch gab es „UTOPIA“ – ihr Synonym für Fantasie und Vorstellungskraft.
Sie dachten nicht daran, was Lehrer oder Vorgesetzte davon hielten. Konsequenzen? Nicht einmal ein Gedanke.


Sie waren jugendliche Träumer – und längst auf dem Radarschirm der Stasi, ohne es zu ahnen.

Den eigenen Weg gehen …

Rico und Mario erfanden sich und ihr Label UTOPIA immer wieder neu. Nach ‚Barry Cowan‘ entstanden weitere Serien: ‚ALPHA-Astro‘, ‚ALPHA-Extra‘ – und ‚Der Brief‘!
Sie spornten einander zu besseren, perfekteren, durchgestylten Arbeiten an – zu Geschichten, Illustrationen und Ideen, die ihre kreative Welt erweiterten.
Ihre „Community“ waren die Menschen um sie herum: Freunde, Mitschüler, Kollegen – oder die gelangweilten Soldaten, eingesperrt in der Kaserne.

Und hätte es niemand gelesen oder bewundert, wäre es ihnen egal gewesen.
Schreiben, zeichnen, kreativ wirken – das war einfach ihr Ding.
Alles, was sie erschufen, musste irgendwohin kanalisiert werden.

So entstand UTOPIA: ein Ausdruck von Freiheit, Individualität und grenzenloser Fantasie – mitten in einer Welt, die Abweichung kaum duldete.

Der Fan-Brief, der nie ankam:

die UTOPIA-Akte wird eröffnet

1978, als jugendliche Fans westlicher Literatur, taten sie genau das, was jeder begeisterte Teenager tut: Fanbriefe an die Idole schreiben.
In diesem Fall war das die Perry Rhodan-Redaktion.
Eine gute Idee? Nicht in der schizophrenen DDR der 70er Jahre.

Was danach geschah, hätten sie sich als 17-Jährige nicht einmal im Traum ausmalen können.
45 Jahre später, beim Durchblättern ihrer Stasi-Akte, wurde ihnen das ganze Ausmaß bewusst:
Der Brief war nie angekommen – er war auf dem Radar der Staatssicherheit gelandet, sorgfältig abgelegt in einem Aktenhefter mit der Aufschrift: „Utopia-Verlag“.
Ein harmloser Brief, der Ausdruck von Kreativität und Begeisterung sein sollte, verwandelte sich in ein politisches Risiko.

Aus Sicht der DDR-Gesetzeshüter hatten die beiden zwei verhängnisvolle Fehler begangen:
1. Sie bekannten sich schriftlich zum Besitz und Konsum von „westlicher Schund-Literatur“.
2. Und noch schlimmer: Sie hatten Kontakt zu einer feindlich-westlichen Verlagsinstitution aufgenommen.

Dafür waren andere vor ihnen schon in Untersuchungshaft gelandet. Die Eröffnung einer Ermittlungs-Akte rechtfertigte das allemal …

Negativ-dekadente Jugendliche …

… so wurden junge Menschen innerhalb der Stasi bezeichnet, die nicht der staatlichen Jugendorganisation FDJ angehörten oder sich zumindest nicht linientreu anderweitig einordnen ließen.

Für diese „Außenseiter“ existierte ein eigenes Register, in dem jede Abweichung von der Norm erfasst wurde. Wer sich dem obrigkeitlichen Raster entzog, wurde beobachtet, katalogisiert und teilweise stigmatisiert – ein bürokratisches Netz, das das Anderssein ahndete.
In dieser Welt war es ein Akt der kleinen Rebellion, ein Zeichen von Kreativität und Individualität zu bleiben – wie es Rico und Mario mit ihrem UTOPIA‑Label taten.

„Wer an ein Utopia glaubt, verschließt sich dem real existierenden Sozialismus.“  – Aktenvermerk –

Getrennte Wege, ungebrochene Freundschaft

UTOPIA,
 Dein Partner

Rico und Mario schlugen unterschiedliche Wege durchs Leben ein – so verschieden, wie zwei Sterne am Himmel.
Rico blieb der Ordnung verpflichtet, machte Karriere als Zeitsoldat, während Mario quer durch Ost‑Europa trampte und seine ganz eigene Version von Freiheit lebte.

Trotz der Entfernung blieb ihre Freundschaft unerschütterlich.
Sie sprachen in einer Sprache, die nur sie verstanden: illustrierten Briefen, die manchmal wahre Kunstwerke waren.
Und immer wieder überraschten sie einander – mit neuen Romanen, Ideen, Skizzen, Visionen.

Alles unter dem vertrauten Banner ihres Fantasie-Labels: UTOPIA.
Ein Zeichen, dass Kreativität und Verbundenheit demonstrierte – aber keine Grenzen kannte.

„Heft-Romane feindlich-faschistischer BRD-Schund-Literatur der Sorte ‚Barry Cowan‘ mit den Titeln ‚Die Stadt im Lavameer‘, ‚Im Mahlstrom der Sterne‘, ‚Planet des Lebens‘ …“  – Aktenvermerk –

Der Sozialismus, deine Welt …

… und der duldete keine Abweichung von der Norm. Und dieses UTOPIA‑Label passte in keine dieser Normen.
Während Rico seinen Dienst als Zeitsoldat ableistete, wurden die bunten Hefte, Romane und illustrierten Briefe, die sie erschufen, tatsächlich verboten. Denn Fantasie war gefährlich, Kreativität verdächtig.

UTOPIA 1982: Ein neuer Lesekreis

Als Zeitsoldat erfüllte Rico pflichtbewusst seinen Dienst für die DDR –
doch selbst Uniform und Rang boten keinen Schutz vor den Schatten der Stasi.

Als Unteroffizier und später Hauptfeldwebel fand er sich in einer Versorgungskompanie wieder,
umgeben von gelangweilten Wehrdienstlern, die monatelang in der Kaserne festsaßen.
In dieser Tristesse wurden die farbenfrohen Romane der Marken „Barry Cowan“ und „ALPHA“
zur Flucht in andere Welten.
Sie wanderten von Stube zu Stube, bis jeder sie kannte.
Utopia hatte seinen neuen Leserkreis gefunden.


Rico und Mario erlebten ein kreatives Hoch,
schrieben, zeichneten, entwarfen –
ein literarisches Feuerwerk hinter Kasernenmauern.
Doch ein Oberfähnrich bemerkte bald die ungewöhnliche Betriebsamkeit.
Die jungen Soldaten, so stellte er fest,
lasen keine Parteipropaganda,
sondern Geschichten von Raumfahrt, Freiheit und fremden Welten.

Der verbotene Lesekreis

Das bunte Design und die phantastischen Inhalte
weckten sofort seinen Verdacht.
Er witterte konspirative Umtriebe –
und ließ den Lesekreis auffliegen.
Die Hefte wurden konfisziert.
„Barry Cowan“ war verboten.

Rico erhielt ein Schreibverbot innerhalb der Kompanie,
unter Androhung dienstlicher Konsequenzen.
Doch die Sache war damit nicht erledigt.
Die Stasi schaltete sich ein.
In der Akte des sogenannten „Utopia-Verlags“
häuften sich die Vermerke und Beobachtungen.


Vierzig Jahre später blätterte Rico in den vergilbten Unterlagen seiner Stasi-Akte – und konnte nur noch ungläubig den Kopf schütteln.
Dort stand tatsächlich,
er habe mit dem „Utopia-Verlag“
subversive Aktivitäten betrieben,
angeblich im Auftrag westlich-feindlicher Medien.

So absurd, so kleingeistig –
und doch so bezeichnend für jene Zeit.
Fantasie war gefährlich.
Denn sie gehörte niemandem –
nicht einmal dem Staat.

„… während einer operativ verdeckten Stubenkontrolle durch den IM ‚Gustav‘ wurde westliche Schund-Literatur und propagandistisches Material der Plattform ‚Utopia‘ sichergestellt.“  – Aktenvermerk –

„Vorstellungskraft ist wie ein Muskel. Ich habe herausgefunden, dass er immer größer wurde, je mehr ich geschrieben habe.“ – Philip José Farmer –

Ein Meilenstein:

Der 100. illustrierte Brief

Seit 1980 tauschten Rico und Mario reich illustrierte Briefe aus – kleine Welten auf Papier, die oft den Stil ihrer Romanausgaben widerspiegelten, sich jedoch vor allem auf den persönlichen Gedanken-Austausch konzentrierten.

Jeder Brief war ein Kunstwerk für sich, gefüllt mit Kreativität, Schreiblust und unbändiger Gestaltungsfreude.
Mit Kugelschreiber, Stunden um Stunden, akribisch gestaltet, spiegelten sie nicht nur Ideen und Geschichten wider, sondern auch die tiefe Verbundenheit der beiden Freunde.

Der 100. illustrierte Brief markierte einen Meilenstein – ein Symbol für Ausdauer, Fantasie und Freundschaft, das all die Jahre der Trennung, der Kontrolle und des Überwachungsstaates überdauerte.
UTOPIA lebte weiter, nicht auf Papier allein, sondern in jeder Linie, jeder Skizze, jedem kleinen Detail – als stummer Beweis, dass Kreativität und Freundschaft nicht unterdrückt werden konnten.

Die kleinen Wunder: Skurrille Projekte im Briefformat

Die Briefe waren längst mehr als Nachrichten – sie waren kleine Laboratorien der Fantasie, in denen Rico und Mario ihre Ideen in allen Formen ausprobierten.
Jede Seite war ein Experiment: skurril, verspielt, manchmal absurd, immer liebevoll gestaltet.

So entstanden Projekte wie:
– „Das Utopia Magazin“, ein Heft voller Illustrationen, Kurzgeschichten, Comics und Nonsens, das kaum eine Regel kannte,
– der „Puzzle-Roman“, bei dem Geschichten in Teilen geschrieben und vom jeweiligen Empfänger fortgesetzt wurden,
– unzählige Kurzgeschichten und Comics, teils ernst, teils völlig verrückt,
– endlose Zeichnungen, die von Alltagsbeobachtungen bis zu wilden Science-Fiction-Szenen reichten.

Jeder Brief wurde akribisch in Handarbeit gefertigt – Stunden mit Kugelschreiber, Tinte, Linien und Schattierungen, die jede Seite zu einem kleinen Kunstwerk machten.
Der Empfänger – staunte oft nicht schlecht, lachte und wurden selbst inspiriert.
Manchmal kommentierten sie die Seiten mit kleinen Notizen, manchmal blieben die Briefe stumm, doch jede Reaktion, jede Aufmerksamkeit war ein Funken, der UTOPIA weiter entfachte.

In diesen Jahren zeigte sich, was UTOPIA wirklich war: kein bloßes Label, kein Name auf Papier – sondern ein lebendiges, atmendes Universum voller Kreativität, das von den beiden Freunden genährt und ständig erweitert wurde.

“Briefe gehören unter die wichtigsten Denkmäler, die der einzelne Mensch hinterlassen kann. Der Brief ist eine Art Selbstgespräch.“ – Johann Wolfgang von Goethe –

„Die Roman-Reihe (Perry Rhodan) ist hinlänglich bekannte Schund-Literatur im Stil imperialistischer Eroberungs- und Aggresionspolitik mit faschistischen Zukunfts-Visionen eines Weltraum-Reiches im Kosmos.“ – Aktenvermerk –

Der Fall „Sex and fucking Work“

Es war ein strahlend-kalter Januartag, und die Uhren schlugen dreizehn, als in den grauen Fluren der Abteilung M der Staatssicherheit plötzlich Betriebsamkeit ausbrach. Das Utopia-Archiv wurde geboren.

Das Utopia-Archiv

Ein Brief – handgeschrieben, kunstvoll illustriert, versehen mit dem anstößig-englischen Titel „Sex and fucking Work“ – hatte die Postkontrolle passiert und war nun in den Händen jener, die überall Sabotage und Dekadenz witterten.

Was in Wahrheit nichts weiter war als ein informeller Austausch zweier Freunde, wurde in den Augen der Staatssicherheit zum Fanal eines ideologischen Angriffs.
Denn dem Brief beigelegt war Heft Nr. 12 des internen Fanzines „Das Utopia Magazin“, ein harmlos verspieltes Dokument jugendlicher Fantasie – für die Kontrolleure jedoch ein Beweisstück erster Güte.

Der Originalvermerk liest sich heute wie aus einem kafkaesken Theaterstück:
„Innen beiliegend fand sich ein Exemplar einer Leih-Roman-Liste des sogenannten ‚Utopia-Archiv‘ mit 15 angebotenen Titeln der faschistisch geprägten Marke ‚Perry Rhodan‘ der westlichen Verlags-Einrichtung ‚Pabel-Moewig Verlag KG‘ mit Sitz in Rastatt.“

Für die Zensoren war klar: Hier wirkte kein harmloser Fanklub, sondern eine geheime Organisation.
Die Akte vermerkt mit der gewohnten Beamtengrammatik:
„Es ist zu vermuten, dass die Organisation ‚Utopia-Verlag‘ weit über normale und erfasste Ringtausch-Gruppen hinausgeht …“

Staatsfeindliche Organisation?

Die Ermittler begannen zu katalogisieren, zu analysieren und zu urteilen – und dabei entfaltete sich ein absurdes Weltbild aus Angst und Fantasie.
„Die Roman-Reihe Perry Rhodan ist hinlänglich bekannte Schund-Literatur im Stil imperialistischer Eroberungs- und Aggressionspolitik mit faschistischen Zukunftsvisionen eines Weltraum-Reiches im Kosmos.“

Offenbar hatte man zwischen den Zeilen gelesen – und dort eine Verschwörung entdeckt, die es nie gab.
„In den sogenannten Zukunftsvisionen der E. und K. wird der Kommunismus generell abgelehnt und Sozialismus als eine feindliche Regierungsform Außerirdischer Fremdwesen dargestellt.“
Schließlich folgte der Schlusssatz, der noch Jahrzehnte später gleichzeitig fassungslos und belustigt zurücklässt:
„Die Organisation ‚Utopia-Verlag‘ weist inzwischen alle Merkmale einer staatsfeindlichen Plattform auf, deren Ziele die Vertreibung, Vervielfältigung (mittels Handschrift) und propagandistische Glorifizierung westlicher Schund-Literatur und imperialistischen Gedankengutes sind.“


Und so wurde aus jugendlicher Begeisterung, kühner Fantasie und handgezeichneter Leidenschaft eine staatsfeindliche Bedrohung.

Zwei Teenager, Kugelschreiber und ein Stapel selbstgemachter Magazine – für die DDR ein Beweis imperialistischer Unterwanderung.
Für Rico und Mario war es schlicht: die Liebe zu Geschichten aus und zu den Sternen.

1989 fiel das, was sie jahrzehntelang gefangen hielt – nicht nur die Mauer aus Beton, sondern auch die unsichtbaren Mauern aus Kontrolle, Angst und Schweigen. Mario und Rico waren knapp davon gekommen: Keine Verhöre, keine Strafen, keine Hausdurchsuchungen – nur ein unsichtbarer Stempel im System und ein weiteres Stück Papier im Archiv eines untergegangenen Staates.
Die Utopia-Akte war geschlossen, doch die Utopia-Geschichte ging weiter!

“… 15 angebotene Titeln der faschistisch geprägten Marke ‚Perry Rhodan‘ der westlichen Verlags-Einrichtung ‚Pabel-Moewig Verlag KG‘ mit Sitz in Rastatt.“ – Aktenvermerk –

Nach dem Fall der Mauer – die Rückkehr der Träumer

Die Wende brachte Freiheit – und neue Möglichkeiten

Festhalten

am inneren Kompass: die Fantasie

Sie erlebten die Öffnung der Welt – und mit ihr das seltsame Gefühl, dass die Zukunft, von der sie immer geträumt hatten, plötzlich real wurde.
Doch die neue Freiheit war keine einfache.
Sie kam mit Lärm, Geschwindigkeit und einer Flut von Eindrücken, die alles bisher Dagewesene verschlang.
Was gestern verboten war, lag heute stapelweise in den Buchhandlungen; was früher als „imperialistischer Schund“ galt, wurde nun als Science-Fiction-Kult gefeiert. Und plötzlich öffneten sich ihnen Möglichkeiten, die noch wenige Monate zuvor als unerreichbar, unerschwinglich galten: Computer, Drucker, Kopierer! Nie wieder handschriftliche, unersetzliche Unikate!

Und irgendwo dazwischen standen sie – zwei ehemalige Träumer, plötzlich freie Menschen in einem Land, das es gestern noch nicht gegeben hatte.
Sie suchten sich ihren Platz in einer neuen Zeit, in der alles möglich schien – und doch vieles verloren ging. Statt in Staunen zu verharren, wurde aus der Begeisterung neue Energie.
Sie machten einfach weiter – schrieben, zeichneten, erfanden sich und ihre UTOPIA-Projekte neu.

Kugelschreiber, Tusche und handgefertigte Unikate wichen langsam den neuen digitalen Werkzeugen.
Das, was früher mit Papier, Lineal und Fantasie erschaffen wurde, bekam plötzlich Pixel, Farbe und Speicherplatz.
Das digitale Zeitalter rollte unaufhaltsam heran – und riss auch UTOPIA mit.

„Cowan-SF“ entstand in Zusammenarbeit mit einem westdeutschen Science-Fiction-Klub, der für einige Jahre Lektorat und Vertrieb übernahm.
Bis 1994 erschienen vierzehn gedruckte Ausgaben, mit einer Gesamtauflage von mehreren hundert Exemplaren – ein Traum, der noch wenige Jahre zuvor undenkbar gewesen wäre.
Die Geschichten über Barry Cowan, den Weltraumabenteurer aus ihren Jugendjahren, fanden neue Leserinnen und Leser in ganz Deutschland und Österreich.
UTOPIA war zurück – stärker, sichtbarer und professioneller als je zuvor.

Vom Kugelschreiber zur Tastatur – UTOPIA im digitalen Aufbruch

Während Rico sich voller Begeisterung in die neue Technik stürzte, blieb Mario zunächst zurückhaltend.
Für ihn war der Computer lange Zeit nur eine bessere Schreibmaschine.
Doch Ricos Begeisterung war ansteckend.
Mitte der Neunziger begann auch Mario, die digitalen Möglichkeiten zu erkunden – und erneut befeuerten sich beide gegenseitig, wie schon zu ihren Jugendzeiten.

Rico experimentierte mit Programmen wie CorelDraw und CorelPaint – Werkzeuge, die ihm völlig neue Dimensionen eröffneten.
Er erschuf damit fantastische Illustrationen, aufwendig gestaltete Layouts und neue Welten, die selbst Mario ins Staunen versetzten.
Wie einst in den 80ern wurden ihre illustrierten Briefe erneut zum kreativen Labor.
Bis zur Jahrtausendwende wechselten zwischen ihnen unglaubliche 190 Briefe – jedes Exemplar ein Kunstwerk aus Text, Humor und Fantasie.

Darin entstanden skurrile Mini-Projekte: eine absurde Storyreihe über den fiktiven Streit um das „untergegangene Utopia“ (DB Nr. 164 – UTOPIA) oder ein parodistischer Rennbericht mit dem Titel „Ein Hauch von Formel 1“.
Letzterer wuchs über sich hinaus und entwickelte sich zur Zeitschrift „Motor SPOTT aktuell“ – zunächst humorvoll, dann zunehmend professionell.
Bis zum Jahr 2000 brachte es das Magazin auf vierzehn Ausgaben und mehrere tausend Exemplare, die schließlich sogar als offizieller Begleiter einer sächsischen Landesmeisterschaft fungierten.

So erlebte UTOPIA in den 1990ern eine unerwartete Wiedergeburt.
Was einst in Schulheften begann und in Stasi-Akten endete, war nun Teil einer neuen Öffentlichkeit – mit einer Reichweite und Professionalität, die sich die beiden Freunde in der DDR nicht einmal hätten erträumen können.

Nach der Jahrtausendwende – ein leises Verstummen …

UTOPIA

Niemand hatte mehr damit gerechnet – jetzt sind sie wiederentdeckt worden: Die Ruinen von UTOPIA!

UTOPIA – zwanzig Jahre verloren in Kartons und Schubladen

Zusammen mit seinem Sohn Richard gründete Rico eine Online-Community – den Entenclan, der zwanzig Jahre Bestand haben sollte. Ein Name, der augenzwinkernd auf den Familiennamen Entrich anspielte und bald das Zentrum all seiner kreativen Energie wurde.

Mario hielt sich zurück, stieg aus – Online-Gaming und Internet-Gedöns waren nicht seine Welt. Und es hatte natürlich gar nichts mit dem alten UTOPIA zu tun.
Rico dagegen experimentierte, zeichnete, schrieb, programmierte und gestaltete wie eh und je – nur dieses Mal im grenzenlosen Raum des Internets. Dutzende Internet-Seiten für die Online-Community entstanden. Er setzte sich sogar noch einmal auf die Schulbank um Mediengestaltung zu lernen. Das war sein Medium – seine neue Welt!
Eigentlich änderte sich nichts: Der Drang zu schaffen blieb, nur die Bühne war eine andere.

Die Jahre vergingen. Projekte kamen, Ideen gingen, und das Leben schrieb seine eigenen Kapitel – manchmal mit sanfter Hand, manchmal mit einer Wucht, die einem den Atem nahm.
Doch irgendwo, in den Schubladen der Erinnerung, schlummerte das alte UTOPIA. Es wartete still, geduldig, wie ein alter Freund, der weiß, dass echte Verbindungen niemals reißen – sie ruhen nur.

Die Rückkehr nach UTOPIA

Das Entenclan-Projekt stand unabhängig von UTOPIA und gehört daher nicht zu dessen Geschichte.
Erst nach dem tragischen Verlust seines Sohnes im Jahr 2021 fand Rico allmählich den Weg zurück zu seinen Anfängen. Ohne Richard verlor der Entenclan seine Seele – und Rico begann, in den alten Utopia-Briefen nach dem Funken zu suchen, der einst alles in Gang gesetzt hatte.

Als das Leben für Rico seinen tiefsten Schatten warf, war es dieses Leuchten aus vergangenen Tagen, das wieder Wärme brachte. Ein Brief, so wie früher. Eine Zeile, ein Strich, ein Gedanke – und plötzlich war sie wieder da, die alte Magie.

2022 nahm Rico wieder Kontakt zu Mario auf – natürlich in Form eines Briefes.
Und seitdem, nach all den Jahren, lebt ihr UTOPIA wieder.

Kein großes Comeback, keine laute Geste. Nur zwei Freunde, die sich schreibend wiederfanden – ganz im Stile alter Tage: mit Kugelschreiber und kariertem Papier.
Und mit ihnen erwachte UTOPIA wieder – älter, ruhiger vielleicht, aber lebendig wie eh und je.

Denn manche Welten sterben nie. Sie verändern nur ihre Form, wandern von Papier in Herz, von Herz in Erinnerung – und finden irgendwann ihren Weg zurück.
UTOPIA ist nicht bloß Erinnerung – es ist gelebte Kreativität, über Jahrzehnte hinweg. Dass sie nach all den Jahren der Stille wieder auflebt, ist fast wie ein stilles Wunder.

“Geschichten sind fliegende Teppiche ins Reich der Phantasie.“ – James Daniel –

Das KI-Zeitalter – neue Werkzeuge, alte Träume

UTOPIA atmet weiter, irgendwo zwischen Hand und Maschine, Traum und Code.

Das Zeitalter der künstlichen Intelligenz hat inzwischen längst seinen Weg nach UTOPIA gefunden – sehr zum Leidwesen von Mario.
Rico schöpft aus den neuen, schier grenzenlosen Möglichkeiten frische Kreativität und Experimentierfreude. Er betrachtet die KI nicht als Bedrohung, sondern als verlängerten Pinselstrich der Fantasie – als Partner im Spiel der Ideen.

Mario ist nicht mehr der unermüdliche Mitstreiter von einst.
Der Körper müde, der Geist langsamer geworden – und doch trägt jeder seiner Briefe die alte Leidenschaft, die unzerstörbare Kraft von UTOPIA in sich.
Mit feiner Ironie, verschmitztem Witz und seinem ganz eigenen Blick auf die Welt hält er dieses Universum auf seine spezielle Art lebendig.

Rico hingegen schreibt, zeichnet und gestaltet wie eh und je – nur reicher an Erfahrung, reifer an digitalen Fähigkeiten.
Sechs neue Barry Cowan-Romane sind entstanden. Er entfaltet darin ihre einstigen fremden Welten, schlägt Brücken zu alten Abenteuern und öffnet Türen zu neuen.
Ein Barry Cowan-Sammelkartenspiel durch Pappe, Leim und Scherre echt und greifbar geworden. Und zwei wahrhaftige UTOPIA-Briefmarkenserien der Deutschen Post sind seiner Fantasie entsprungen.

Mario bleibt der Skeptiker, der Zweifler, der Hüter des Ursprünglichen.
Die Zeiten von Feder und Kugelschreiber hat er zwar hinter sich gelassen, doch seine Hände ruhen weiterhin auf den vertrauten Oberflächen alter Programme: CorelDraw 3 – Relikte einer digitalen Frühzeit, die für ihn noch immer mehr Seele besitzen als jedes moderne Werkzeug. Selbst Photoshop ist ihm suspekt – zu glatt, zu perfekt, zu wenig Widerstand unter den Fingern.

Und doch ist er kein Rückwärtsgewandter, sondern ein Widerspenstiger. Einer, der lieber gegen den Strom schwimmt, als in ihm unterzugehen.
Seine Kunst lebt von diesem Trotz: digitale Collagen, fragile Bildwelten voller Ironie und Untergangsstimmung. In seinen jüngsten Werken – oft Lyrik über den Weltuntergang, manchmal in Verbindung mit KI – schwingt eine leise Faszination für das, was er zugleich misstrauisch beäugt.

Beide, nun über sechzig, bleiben dem Geist treu, der sie einst verband: dem unbändigen Drang, zu erschaffen, zu träumen, zu spielen – gegen die Zeit, gegen die Vernunft, einfach aus Freude am schöpferischen Tun.

Gemeinsam bewahren sie das Gleichgewicht zwischen Vergangenheit und Zukunft – und UTOPIA atmet weiter, irgendwo zwischen Hand und Maschine, Traum und Code.

Und so treffen sich in UTOPIA heute zwei Wege: Ricos neugieriger Aufbruch in die Zukunft – und Marios poetischer Widerstand gegen sie.

Beide sind notwendig.
Beide sind UTOPIA.